Gastbeitrag Wohntraum (Blogreihe)

Eine Villa im Grünen mit großer Terrasse

wohntraum

Ja, das möchste:
Eine Villa im Grünen mit großer Terrasse,
vorn die Ostsee, hinten die Friedrichstraße;
mit schöner Aussicht, ländlich-mondän,
vom Badezimmer ist die Zugspitze zu sehn aber
abends zum Kino hast dus nicht weit.
Das Ganze schlicht, voller Bescheidenheit:

Kurt Tucholsky hat offensichtlich für sein Gedicht Das Ideal tief in mein Gemüt geschaut.Denn als Sarah mich nach meinem Wohntraum gefragt hat, hatte ich sofort das Häuschen in den Dünen auf der Nord (nicht Ost-)seelieblingsinsel vor dem geistigen Auge. Morgens aufwachen, Fenster aufreißen und das Meer wogt – herrlich. Macht mich zuverlässig wach. Ich liebe die salzige Luft und Sand überall. Stille und Weite. Das wäre mein Tucholsky-Traum-Vorne. Hinten müsste aber Stadt sein, weil ich Stille und Weite nur als Kontrast mag. Auf dem stillen Dorf aufgewachsen, hat es mich immer hin ins Leben gezogen, da, wo viele sind, es Möglichkeiten gibt und damit verbundene Freiheiten. Also, ich könnte heute, hier in Berlin, jederzeit in die vielen Opern gehen, sehr spezielle Läden beshoppen oder französisch portugiesische Programmkinos besuchen. Mach ich natürlich nicht. Aber ich könnte, das ist das ausschlaggebende Gefühl für mich. Ich trete aus dem Haus und habe eins, zwei, drei, vier, fünf ziemlich gute Lokale im Umkreis von 150 Metern. Das ist der Grund, warum wir, als ich schwanger war, noch mittenreiner (Entschuldigung, liebe Frau Ex-LK-Deutschlehrerin) gezogen sind. Ich wollte gern mit Baby im Leben sein. Wenn wir schon nicht mehr abends groß ausgehen könnten, wollte ich wenigstens draußen einen Happen beim Spanier essen – wenn das Kind zu sehr quäkt, gehe ich eben drei Schritte nach Hause. Lacht nicht, aber wenn ich mich abends vom Babymuttersein erholen wollte, hab ich dem Gatten das Kind in die Hand gedrückt und bin im großen Kaufhaus am Alex durch die Abteilungen mäandert. Fünf Minuten zu Fuß und mein Hirn schaltete auf Mädchenshoppingmodus um. Ich kaufte eben noch mehr von Lego duplo und einen schönen Weißwein für den Gatten und mich obendrauf. Und Salz-und-Essig-Chips.

Also gut, gehen wir mal von einem Stadtdomizil aus. Ich stehe ja voll auf Altbau, hohe Decken, knarzende Dielen und ab und an irgendwo ein Heizungsrohr auf Putz. Ich hätte gern sechs Zimmer, eins davon nur für mich – da wo ich meine Studentenmädchenbude ein bisschen aufleben lassen könnte, ganz kompromissfrei. Mit einer Wandfarbe von Farrow and Ball und lustigen Bildern an der Wand. Mit einem Erker, in den ein Schreibtisch eingebaut ist, so dass ich beim Schreiben, Denken und Pudding essen rauskucken kann, idealerweise auf eine kleine Straße oder einen Park. Eine ganz große Küche mit Holzboden, unser zwei Meter zwanzig langer Tisch aus oller Ulme soll da rein, so dass man essen und kochen und reden kann. Eine Speisekammer!! Ein Wohnzimmer, abgetrennt, so dass ich vom Sofa aus nicht das Kochchaos ankucken muss. (Vielleicht hat jemand Pastewka gesehen? Diese neue Wohnung, genau so!) Ein helles Zimmer für das Rübchen mit viiiel Platz. Schlafzimmer, Bad mit Wanne, Gästeklo. Ein Zimmer, gern klein, für unsere Bibliothek. Und ein Gästezimmer. Alles auf 180 qm, fertig ist der Wohntraum. Nee, halt: der Balkon fehlt. Vor dem darf gern ein großer Baum stehen.

Und dann kauf ich noch dieses Haus am See in Brandenburg, wo von der Küche aus eine Treppe in den Garten führt. Wie in diesem Film mit Senta Berger, Willkommen auf dem Land, mit Terrakottafußoden…außerdem….(Stimme entfernt sich, weiter vor sich hin brabbelnd)

…es ist leider so: über das Thema wohnen kann ich mich stundenlang auslassen, ich habe zweitausend Ideen und Sehnsucht nach Land und Stadt und Meer…da darf Tucholsky nochmal:

Aber, wie das so ist hienieden:
manchmal scheints so, als sei es beschieden
nur pöapö, das irdische Glück.
Immer fehlt dir irgendein Stück.

Bildrechte: Berliner Kinderzimmer

Bildrechte: Berliner Kinderzimmer

Über die Autorin: Nadine macht das eine-Frau-Blogmagazin „Berliner Kinderzimmer„, ist 39 und hat eine vierjährige Tochter. Liebt Pho Bo, den Monbijoupark im Sommer und übt Fotografieren. Kann kein Italienisch, kann nicht nähen, dafür ziemlich gut Vespafahren.

 

 

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